3.4. - Gedichte, Sagen, MärchenDas Salzfaß

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Andre
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Das Salzfaß

Beitrag von Andre »

Am Tische saß ein junges Ehepaar; Es war bereits seit vierundzwanzig Stunden Durch Priesterhand an dem Altar gebunden;
Kein Wunder, daß es überglücklich war, Daß ihre Blicke sel'ge Wonne zeigen, - Der Himmel hängt bei ihnen voller Geigen,
Die Liebesgötter singen Melodien So süß, daß Gram und Unmut schnell entfliehen.

"Nie soll aus unserm Haus die Eintracht weichen, Mein holdes Jettchen," spricht der junge Mann,
"Nie soll ein Zwist dir die Wange bleichen," Und sieht dabei sein Weibchen schmachtend an.

"Mein guter Fritz! Was ich dir an den Blicken Absehen kann, das soll gewiß geschehn,"
Ruft Jettchen zärtlich, sinkt dann voll Entzücken An seine Brust. - Kann man was Schönres sehn?

Doch bei dem Sinken stößt sie mit dem Arme Das erste vollgefüllte Salzfaß um, Und hastig spricht sie
"Daß sich Gott erbarme! Das war von mir wahrhaftig dumm!"

"Was ist geschehn, lieb' Jettchen?"
"Süßes Leben, Das Salzfaß - Sieh doch nur das Salzfaß an!
Da liegt's. Nun wird es Zank ganz sicher geben."
"Ei, Gott bewahre - denk' doch nicht daran! Wie kann ein Salzfaß unsre Eintracht stören?"


"Und doch ist's so, mein Fritz - ich werde krank, - Von meiner Mutter mußt ich oftmals hören:
Wenn's Salzfaß fällt, so gibt es sicher Zank!"
"Ei, deine Mutter scherzte, liebes Weibchen."
"Mit ernsten Sachen scherzte meine Mutter nie!"
"Du bist so fromm und sanft wie ein Täubchen, Wie käme da je Zank zu uns wohl, wie?"


"Ja, freilich bin ich sanft," spricht Jettchen kläglich,
"Allein wenn's Salzfaß fällt."
- "Mein Engel, laß Das Slazfaß ruhn; ich lieb dich ja unsäglich, Und zanken werd ich nie."

- So brummt im Baß Der junge Mann. "Nun laß uns ruhig essen!" -

Frau Jettchen nimmt zwei Löffel Suppe ein, Dann spricht sie seufzend:
"Fritz - es geht nicht, - nein, ich kann das böse Salzfaß nicht vergessen!
Es wär' doch arg, wenn gleich am ersten Tage Ein Zank zwischen uns entspänne, Fritz!"


"Mein Engel, mach dir deshalb keine Plage, Das mit dem Salzfaß, Kind, ist nur ein Witz."
"Nein, lieber Mann, es ist kein Witz, seit Jahren hat meine Mutter es erfahren: Wenn's Salzfaß fiel, da gab es Zank sogleich."


"So schweig doch nur mit solchem dummen Zeug," Ruft Fritz verstimmt.
"Was sagst du da, mein Lieber? Du sprichst von dummen Zeuge, teurer Schatz?
Ich glaube, süßer Fritz, du hast das Fieber, Der Ausdruck war hier nicht an seinem Platz!"


"Platz hin, Platz her, lieb' Jettchen; deine Klagen Um so ein Salzfaß, ich sag's ungeniert,
Die kann, wahrhaft'ger Gott, kein Mensch ertragen,"
So ruft der sanfte Fritz etwas pikiert.
"Ei, bin ich dir schon lästig, Fritz? Gebrechen Bemerkst du schon an mir? Ei, das geht schnell."

"Wie kannst du, Kind, so unvernünftig sprechen. Ich meinte - "
"Was du meintest, wird mir hell! Erst dummes Zeug, dann unvernünftig, -
freilich, Ich bin ein Gänschen, bin zu dumm für dich!"


"Nein, Jettchen, du bist wirklich recht abscheulich!"
"Nun auch abscheulich! Ich bedanke mich!! Das Salzfaß, ja, das Salzfaß!"
"Du sollst schweigen Von deinem Salzfaß!" -
Nein, das brauch' ich nicht, ich werde mich nie untertänig zeigen,
Wenn man so diktatorisch mit mir spricht! Wirft man ein Salzfaß um, sagt meine Mutter - "


"Ach, deine Mutter ist 'ne Frau vom Land!" Ruft Fritz ergrimmt und wirft - wie Martin Luther Das Tintenfaß -
den Löffel an die Wand. Das Zeichen zu dem Streit war nun gegeben, Die Eintracht gab der Zwietracht ihren Platz;
Man hörte nicht mehr: Engel, süßes Leben! Nicht mehr: Mein trautes Liebchen, holder Schatz! -
"Tyrann, Barbar!" erscholl's aus Jettchens Munde;
"Angehende Xantippe!" schrie Herr Fritz in Wut, Und so bekam ein jeder seine Wunde;
Was doch nicht alles so ein Salzfaß tut!

Nachdem sich nun die feindlichen Parteien Rein ausgesprochen hatten, warf Herr Fritz Sich in den Lehnstuhl,
um sich zu zerstreuen, Und Jettchen nahm am Fenster ihren Sitz. Aus ihren Augen flossen sanfte Tränen,
Aus ihrem Munde drang manch "Oh" und "Ach", Und unser Fritz fing herzhaft an zu stöhnen,
Und stöhnte jedes "Ach" ein paarmal nach.

Zuletzt begegneten sich ihre Blicke, Anfangs ganz flüchtig, später länger, dann -
Ihr war's, als ob er mit dem Kopfe nicke, Er las in ihren Augen: Lieber Mann!
Da konnte sich der gute nicht mehr halten, Schnell sprang er auf, -
umarmte herzlich sie, Und sprach gerührt:
"Es bleibt mit uns beim alten, Zank, liebes Jettchen, gibt es nie mehr, nie!"

"Nie mehr!" spricht Jettchen, "du mein süßes Leben, Ertragen will ich alles mit Geduld;
Auch bin ich an dem heut'gen Streit nicht schuld, Das Salzfaß fiel, - da mußt es Zank ja geben."


Jetzt die Moral:
Fest könnt ihr darauf bauen, Stellt in der Eh' sich zank und Hader ein, So sind unschuldig stets die guten Frauen,
Das Salzfaß trägt die Schuld dann ganz allein.

Karl August Görner
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